Reden ist Silber, Schweigen gets old.

26. März 2017 |
Ich hab kürzlich "The Hate U Give" von Angie Thomas, (ein großartiger Roman, den jeder unbedingt lesen sollte), gelesen, und seitdem ist da so eine Sache, die irgendwie an mit nagt.
Oder, um es treffender auszudrücken, an der ich zu knabbern habe. Das Thema beschäftigt mich schon etwas länger, kam schon vor der Lektüre von "THUG" immer wieder auf. Ich hab mit Freunden (vor allem denen, die selbst Buchblogger sind), und auch schon mit Arbeitskollegen darüber geredet, aber ich konnte mich nie wirklich dazu motivieren, mal was darüber zu schreiben. Dachte immer, warum sollte ich? Wen interessiert es schon, was ich darüber denke. Aber dann, bin ich auf ein Zitat in "The Hate U Give" gestoßen, was (in vielerlei Hinsicht) etwas in mir ins Rollen gebracht hat.

"What's the point of having a voice if you're gonna be silent 
in those moments you shouldn't be?"
- Angie Thomas

Kommt jetzt vielleicht ein bisschen arg dramatisch daher, und im Buch selbst bezieht es sich auch auf einen anderen Kontext, aber die Aussage im Kern, hat halt direkt ins Mark getroffen. Nicht jetzt unmittelbar auf mich persönlich bezogen (das wäre nochmal ein ganz anderes Thema), aber darauf, warum Autoren/innen (und hier meine in erster Linie Jugendbuch-Autoren/innen), ihre Stimme nicht benutzen. Und zwar außerhalb des Papiers. Daran anknüpfend dann auch direkt die Frage, ob Autoren/innen sich politisch äußern sollten. Mir geht es jetzt aber gar nicht mal so sehr ums Politische, sondern eher so generell.

Ich folge auf Twitter (wie viele andere Blogger sicher auch), vielen US Jugendbuch-Autoren/innen und wenn ich sehe, wie sehr die sich für bestimmte Themen (ob jetzt Mental Health ect), oder Minderheiten stark machen, und ich dann schaue wie es hier bei uns aussieht, dann frage ich mich immer, warum sind unsere Autoren so still. Und warum, wird die eigene Stimme in erster Linie nur benutzt, um für sich selbst Werbung (in dem man von seinen neuen Buch-Verträgen, Lesungen, Cover ect.), spricht. Versteht mich nicht falsch, das soll bitte jeder so machen, ist ja auch Teil des Jobs und die Amis machen das auch und alles, aber darüber hinaus, haben unsere Jugendbuch-Autoren/innen einfach nichts zu sagen, oder wollen sie nicht? Ist ihnen nicht bewusst, dass ihre Stimme (wie klein sie in den eigenen Augen auch sein mag), trotzdem Gehör findet, weil sie eine Plattform haben? Warum wird diese Plattform nur zur Selbstdarstellung genutzt? Ich meine, wenn man schreibt, dann möchte man seinen Lesern doch etwas mitteilen oder? Klar, man möchte den Lesern Unterhaltung bieten, aber gleichzeitig doch auch (so abgedroschen und naiv das jetzt vielleicht klingt), eine Message mit auf den Weg geben. Ist das nicht sogar der Grund, warum man überhaupt anfängt Bücher zu schreiben, Geschichten zu erzählen? Weil man den Leuten da draußen etwas sagen möchte.

Es geht ja nicht darum, irgendwie zum Aktivisten zu mutieren, aber ich weiß nicht, irgendwie frage ich mich halt immer, warum kommt da eigentlich nicht mehr? Warum wird die eigene Plattform, und die eigene Stimme immer nur dann benutzt, wenn ein Autor/eine Autorin, irgendwie angegriffen wird? Weil irgendein Honk Sätze aus dem Buch abgeschrieben hat, oder weil man mal wieder unsanft kritisiert wurde, oder weil es sonst einfach wieder mega unfair ist. Warum, sind immer nur das die Moment, in denen Autoren/innen sich bemerkbar machen? Dazu aufrufen, diese Missstände zu kritisieren? Sich stark machen. Warum passiert das nicht mal außerhalb des eigene Dunstkreises? Warum reden Jugendbuch-Autoren/innen zum Beispiel nicht über Feminismus? Über Sexismus? Oder machen sich für Minderheiten stark. Äußern sich gegen Rassismus. Oder sprechen über Integration. Wir brauchen doch Schriftsteller, die uns nicht nur etwas erzählen wollen, sondern auch was zu sagen haben oder?

Weil Autoren/innen nicht über solche Themen reden sollten? Weil es nicht ihr Job ist? Ich finde, dass genau das, eigentlich Teil der Arbeit eines Schriftstellers ist. Sich engagieren. Aufmerksamkeit schaffen. Hinterfragen. Und zwar nicht nur auf dem Papier. Wo es, ja sowieso schon kaum passiert, weil wir in Deutschland die hirnrissige Ansicht haben, dass unterhaltende und ernste Literatur nicht zusammengehen. Aber wäre es nicht mal langsam an der Zeit, gerade in dem Bereich, der sich an junge Leser richtet, diese Strukturen aufzuweichen? Mehr Bücher zu veröffentlichen, in denen es nicht nur darum geht, warum Mädel A, Bad Boy B so unfassbar hot findet. In denen junge Menschen, anderer Herkunft, anderen Glaubens, mit einer anderen Sexualität, Hautfarbe oder mit einer (körperlichen) Einschränkung, Repräsentation erfahren.
Und sollten sich nicht gerade Autoren/innen genau dafür einsetzen? Damit sich etwas bewegt. Damit sich viele junge Leute da draußen, nicht ständig ausgeschlossen fühlen, weil sie einfach nicht gesehen und ihre Probleme, Sorgen und Ängst ignoriert werden. Ich finde schon. Und es ist echt traurig, dass es nicht so ist.

Oder auch wir als Blogger. Sollten wir nicht viel mehr darauf achten, was wir empfehlen? Welche Bücher wir hypen und welchen Autoren/innen wir damit eine Plattform bieten? Sollten wir uns nicht auch für all diese, eben genannten Dinge, einsetzen? Anstatt immer nur darauf zu schauen, wie wir selbst weiter nach oben kommen. Ob und wie wir mit dem Blog eventuell Kohle machen können. Was wir machen können, damit uns Verlage oder andere Firmen/Leute aus der Branche wahrnehmen. Liegt es nicht eigentlich in unserer Verantwortung Autoren/innen genau auf die Finger zu schauen, zu hinterfragen was sie da auf's Papier bringen, anstatt nur auf das Wie zu achten? Den Verlagen zu signalisieren dass uns gewisse Dinge stören, und nicht nur sagen dass sie uns stören und die Bücher dann trotzdem kaufen, sondern wirklich versuchen dagegen zu halten? Könnte man ja mal drüber nachdenken.




Kommentare:

  1. Amen, Bruder.
    Insbesondere der letzte Absatz fasst gut zusammen, was mir seit einiger Zeit auch durch den Kopf geht und wahrscheinlich bald ebenfalls in einem Blogpost mündet - dass viele Blogger*innen so unkritisch und unpolitisch sind. Ich denke mir irgendwie, dass die Verlage danndoch vielleicht hellhöriger werden würden, wenn wir eben nicht alles hinnehmen und bewerben und so vielleicht auch Bücher mit mehr Diversity veröffentlichen würden.
    Auf jeden Fall ein sehr guter Beitrag!

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    1. Howdy!

      Genau das, denke ich mir auch immer. Würden wir, denen irgendwie mal signalisieren das gewisse Inhalte nicht gehen und auf der anderen Seite, andere Inhalte/Themen, dafür aber gefragt sind, sähe die YA-Landschaft in Deutschland bestimmt anders aus. Aber, aus irgendwelchen Gründen, wollen dass die meisten unserer Kollegen ja nicht. Oder, so vermute ich, sie haben Angst sich "gegen die Verlage" zustellen und damit zu riskieren, irgendwelche Vorteile oder so einzubüßen, keine Ahnung. Bin aber gespannt auf deinen Artikel. :D

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  2. Ich verstehe deine Gedanken dazu sehr gut. Tatsächlich habe ich auf der Leipziger Buchmesse auch einen großen Autor (veröffentlicht bei C. H. Beck) zu dem Thema reden hören. Er führt wohl derzeit eine Debatte mit einem anderen, großen Kollegen. Letzterer ist der Meinung, dass man als Autor gefälligst die Klappe zu halten hat und es einem nicht zusteht, sich außerhalb des eigenen Buches zu politischen Themen zu äußern. Der sprechende Autor selbst wiederum sieht das ganz anders und mischt sich gerne ein.
    Ich selbst habe mich bisher nie aktiv politisch gezeigt in meinen Sozialen Netzwerken, aber bspw. meine Social-Media-Selbstbeschreibung hat explizit den Begriff "feminist" enthalten, weil ich mich so sehe und will, dass andere wissen, dass ich so denke.
    Leider jedoch ist das Internet eine #Aufschrei Gesellschaft. Insbesondere weniger bekannte, junge Autoren scheuen sich vor politischen Äußerungen, weil sie schnell einen Teil ihrer Fanbase verschrecken könnten - und das ist einfach finanzieller Selbstmord, so realistisch muss man das sehen. Dann kommt hinzu, dass viele sich vielleicht auch nicht zutrauen, die Worte so zu formulieren, dass die gewünschte Aussage ankommt. Sag einmal etwas schräges, und das Internet holt die Mistgabeln raus. Das macht Angst.
    Trotzdem stimme ich zu: Vollkommene Stille ist auch nicht in Ordnung. Man muss ja nicht einmal politische Meinungen vertreten, aber bspw. Hinweise wie "Ich gehe jetzt wählen" sind auch schon ein Statement.
    Als studierte Politikwissenschaftlerin werde ich jedenfalls nicht still sein, wenn mir ein Thema auf dem Herzen brennt. Und ein Blogartikel hat mich noch einmal dazu ermuntert, nicht still zu sein :)

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    1. Hi Julia!

      Kann dir da nur in allen Punkten zustimmen. Ich finde wegsehen und die Klappe halte ist halt einfach keine gute bzw. sinnvolle Alternative. Und wie du schon geschrieben hast, es muss ja nicht gleich politisch sein. Aber ich finde schon, dass Jugendbuchautoren auch ruhig mal ein Wort zu Sexismus oder Feminismus sagen könnte, immerhin werden die Themen ja leider doch sehr kleingeschrieben in dieser Sparte und zu Gunsten von hirnrissigen Liebesgeschichten auf Seite geschoben.

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  3. Word! Gerade im Jugendbuchbereich finde ich, haben wir BloggerInnen - und die dazugehörigen AutorInnen - doch auch eine immense Verantwortung - und dessen sind sich viele nicht bewusst. So oft werden Bücher gehyped, die ganz klar sexistisch sind, Unfassbares verharmlosen und einfach so fernab dessen sind, was man einem Jugendlichen vermitteln sollte, dass mir echt immer wieder die Spucke wegbleibt.

    Aber es gibt auch Ausnahmen: Kirsten Boie beispielsweise, die ich für Ihren Einsatz einfach nur bewundern kann.

    Danke für deinen Beitrag, der so wichtig ist und vielleicht nicht nur dem ein oder anderen Autor sondern auch Blogger die Augen öffnet. Hoffen wir's!

    Liebste Grüße,
    Nana

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    1. Hey Nana!

      Exakt! Ich nehme mich da auch nicht aus, ich hab wahrscheinlich auch (einfach weil ich mir dessen einfach nicht bewusst war), schon Bücher empfohlen, die unter aller Sau waren, problematische Inhalte haben usw. Aber genau darum geht es ja, Bewusstsein schaffen für das, was falsch läuft oder von bei dem sich ja im Grunde irgendwie alle einig sind, dass es nicht okay ist, aber trotzdem niemand was sagt oder nur wenige. Kirsten Boie muss ich mir mal anschauen, der Name sagt mir gerade leider nichts hehe. :D

      Na ja, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

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  4. Deine Worte treffen dahin, wo es wirklich weh tut. Es gibt eine solche Flut an Büchern, in denen die Liebe zu etwas so "abartiges" erklärt wird, dass wenn man es liest, eigentlich hofft, dass es nicht die Realität ist, aber wenn dies dann noch in Jugendbüchern steht, weiß jeder selbst, wie leicht man sich in dieser Zeit beeinflussen lässt.

    Tatsächlich muss ich auch eine kleine Ausnahme erwähnen: Jennifer Benkau. Auf Facebook bezieht sie oftmals Stellung und scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen.

    Ausnahmen, viel zu selten, aber es gibt sie und wenn jeder Autor/Blogger deine Worte kurz überdenkt, vielleicht wächst aus selten ein mehr.

    Danke für deinen klaren Worte!
    Alles Liebe
    Yvonne

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    1. Hallo Yvonne!

      Ich kann ja verstehen, dass man in Büchern dazu tendiert sich mit Fantasievorstellungen zu befassen, weil klar, die Realität ist halt oft nicht so schön oder spannend. Aber ich frage mich halt, ob eine Überzeichnung von gewissen Aspekten (wie etwa Liebesgeschichten), wirklich "nötig" sind in der Form. Gerade dieses, es ist die erste Liebe und es muss gleich bis zum Ende des Lebens halten. Klar, fühlt man das in dem Alter so, aber in den meisten Fällen hält es ja nicht wirklich so lange.

      Hehe, wir werden sehen, aber ich würde es bezweifeln.

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  5. Dein Beitrag gefällt mir und ich werde mir deine Gedanken zu Herzen nehmen. Als Autor, der sich gerade zur Veröffentlichung seines ersten Buches vorbereitet, fühle ich mich durch deine Worte inspiriert.

    Sonnige Grüße
    Matthias



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    1. Hey Matthias!

      Danke, freut mich sehr. Viel Glück mit deinem Buchprojekt. :)

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  6. Schöner Post! Ich finde klasse, dass du das Thema angesprochen hast, eben a la jeder sollte seine Stimme benutzen und auf Misstände aufmerksam machen. Genau richtig!
    Ich würde mich echt wünschen, dass du mal ein Buch schreiben würdest. Ich glaube, dass würde unfassbar interessant werde :)

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    1. Hey!

      Dankeschön, finde ich auch. Aber irgendwie, naja mag keiner oder wird von Angst zurückgehalten ich weiß es nicht. Hehe, ich glaube das würde wirklich niemand lesen wollen oder wäre am Ende schwer enttäuscht davon haha.

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  7. Ich kann dir in den meisten Punkten nur zustimmen. Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass sich manche Autoren ihrer Verantwortung gar nicht bewusst sind. Nicht, dass ich immer unfehlbar wäre. Ich fand 'Shades of Grey' in gewisser Hinsicht damals durchaus unterhaltsam, empfehlen würde ich die Bücher jedoch nicht, schon gar nicht Jugendlichen. Man muss die Handlung eines Buches nicht bis ins kleinste Detail analysieren, aber derart missbräuchliche Beziehungen sollte man durchaus kritisch betrachten. Das heißt ja nicht, dass man solche Bücher nicht lesen darf, aber man sollte sie nicht uneingeschränkt und unreflektiert weiterempfehlen. Vieler Probleme ist man sich ja gar nicht bewusst, bis man darauf hingewiesen wird. Das ist auch in Ordnung, danach sollte man sich jedoch mehr Gedanken machen. Zum Beispiel über Bücher mit Protagonisten, deren Beeinträchtigung, sei diese nun körperlicher oder seelischer Art, am Ende auf wundersame Weise geheilt wird.

    Ich kann mich allerdings an eine Situation erinnern, in der Blogger und andere Leser (und ich meine sogar andere Autoren) aktiv gegen einen Autor vorgegangen sind, deren Bücher unfassbar sexistisch waren und der(leider) auch auf seinem eigenen Blog derartig sexistische Artikel verfasste, dass einem regelrecht schlecht wurde. An dessen Namen kann ich mich aber nicht mehr erinnern. (Warum wohl!?) Also manchmal nutzen wir, zum Glück, durchaus unsere Stimme.

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  8. Hallo Fabian

    mir ist tatsächlich auch nicht aufgefallen, dass die Autoren hier „en masse“ ihre Stimme erheben. Ein interessanter Ansatz. Auch, was die Verantwortung der Blogger angeht. Erst letzte Woche hab ich gelesen, worum es in diesem gehypten „Paper Prince“ geht und ich war entsetzt. Ich war noch nie ein Kind des Mainstream, und mittlerweile auch sehr froh darum.

    Ich habe deinen interessanten und wichtigen Artikel auf meiner Wanderung durch die Welt der Bücherblogs verlinkt.

    Vielen Dank

    Gruß, Daniela

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  9. Hi Fabian,
    ich habe vor einer Weile interessiert verfolgt, wie einige "Fans" reagiert haben, als J.K.Rowling sich öffentlich gegen Donald Trump ausgesprochen hat. Vielleicht fürchten manche einfach, ihre Leser abzuschrecken, falls doch jemand eine andere Meinung vertritt?
    Ich selbst bin bisher selten an Bücher geraten, bei denen ich das Bedürfnis hatte, auf die Barrikaden zu gehen und auch dem Verlag zu sagen, dass ich Bücher mit solchen Inhalten nicht unterstützen werde. Aber auch hier gebe ich dir recht, wir Leser sollten in solchen Fällen unsere Stimme einsetzen. Eben damit sich was ändert.

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