Angie Thomas - The Hate U Give

5. Juni 2017 |
Als ich Angie Thomas vor etwa einem Jahr auf Twitter entdeckt, und von ''The Hate U Give'' erfahren habe, war mir sehr schnell, sehr klar, dass dieses Buch (besonders in den USA), hohe Wellen schlagen wird. Der Hype um dieses Buch war damals schon extrem, nicht nur weil bereits vor Erscheinen die Filmrechte und Lizenzen in mehr als 15 Länder verkauft wurden, sondern auch weil Leser, die Autorin selbst, andere Autoren*innen, der Verlag und die Presse das Buch über alle Maßen angepriesen und gelobt haben. Zurecht.

 Denn ''The Hate U Give'' ist eines dieser unfassbar seltenen Jugendbücher, die zurecht vorab über den Klee gelobt werden und das dem Hype nicht nur gerecht wird, sondern ihn in meinen Augen sogar noch übertrifft. Meine Erwartungen an das Buch, waren unrealistisch hoch, also wirklich astronomisch. Aber, Angie Thomas hat geliefert. Mehr noch, als ich überhaupt erwartet hatte.

''The Hate U Give'' beginnt mit der 16-jährigen Starr Carter, die Zeugin wird, wie ihr bester Freund Khalil nach einer Party, hinterrücks von einem weißen Polizisten erschossen wird.
Und daraus spinnt Angie Thomas, mit viel Fingerspitzengefühl (und teilweise, auf eigene Erfahrungen beruhend), eine Geschichte über Familie, Gerechtigkeit und darüber, wie verzahnt die Mechanismen des Rassismus sind, und wie schwer es ist, sich dessen Strukturen nicht nur bewusst zu werden, sondern sie auch zu durchbrechen.

Mir fehlt leider die nötige Eloquenz, um auszudrücken wie gut sich Angie Thomas dem Thema Rassismus annimmt. Mit der spärlichen Menge aus Wissen und Erfahrungen die ich gemacht habe (in Form dessen, dass ich Zeuge von Rassismus geworden bin), kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass Angie Thomas alles richtiggemacht hat.
Sie legt den Finger in die Wunde, hält einem als Leser*in den Spiegel vor die Nase, und sorgt so dafür (ohne sich dabei jemals auf das Podest der moralischen Überlegenheit zu stellen), dass man sich den eigenen Vorurteilen bewusst wird und diese reflektiert. Ich habe mich für eine sehr aufgeklärte Person gehalten, aber das Buch hat mir gezeigt, dass ich nicht so aufgeklärt und sensibilisiert bin, wie ich dachte.

Am Anfang, kam mir das nämlich alles schrecklich klischeehaft vor. Starr die im, von Gangs beherrschten Ghetto lebt, mit einem Ex-Knacki als Vater, die Familie ist unterprivilegiert und hat kein Geld usw. Aber das sind keine Klischees. Das ist die Lebensrealität, von unendlich vielen schwarzen (und wahrscheinlich auch anderen PoC) Menschen in den USA.
Und ich muss auch gestehen, dass ich mit dem AAVE (African American Venacular English), das besonders in den Dialogen zum Tragen kommt, so meine Probleme hatte. Weil ich mir nicht sicher war, ob ich es klischeehaft finden soll, oder ob es der Realität entspricht.
Die Autorin beschreibt diese ganzen Punkte auf so subtile Art und Weise, dass man einfach nur Mitleid empfinden kann. Nicht mit den Charakteren in dem Buch, sondern mit uns als Gesellschaft, dass wir es zulassen, dass aufgrund unserer eigenen hirnverbrannten Vorurteile, andere Menschen an den Rand geschoben werden, weil wir denken von ihnen ja eh nichts erwarten zu können.

Der Titel des Buches leitet sich von dem THUG LIFE-Tattoo ab, das der Rapper Tupac Shakur, auf dem Bauch getragen hat und steht für:

The Hate U Give Little Infants Fucks Everyone


Und genau das, zieht sich durch das gesamte Buch. Den Hass und die Vorurteile und die Ungleichheit, mit denen wir junge Menschen füttern, trifft am Ende jeden von uns. Wenn wir junge Menschen, wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Kultur oder deswegen, weil sie einen Migrationshintergrund haben, der uns einfach nicht in den Kram passt, auf Seite schieben (und das passiert hier bei uns genauso, wie in den USA), als unbrauchbar und unwichtig an den Rand drängen, dann fickt das unterm Strich jeden von uns.

Genau deswegen, ist ''The Hate U Give'', ein fantastisches Beispiel dafür, warum wir mehr Diversität in Jugendbüchern brauchen. Warum Repräsentation wichtig ist, und warum wir sie schaffen müssen.

Zwischenzeitlich hatte ich zwar das Gefühl, dass nicht so richtig klar ist, wohin die Geschichte führen soll, weil Starr selbst nicht wusste, was sie machen sollen. Weil sie damit hadert, für Khalil einzustehen, weil die Presse (und einigen ihrer weißen Mitschüler, an der Upperclass-Schule die sie besucht), Khalil die Schuld geben. Ihn als Thug (Gangster), bezeichnen, der mit Drogen gedealt und es deswegen verdient hat, erschossen zu werden.
Aus dem Opfer wird ein Täter gemacht, und der eigentliche Täter wird zum Opfer, das sich nur verteidigen wollte und seinen Job gemacht hat.

Diese Ungerechtigkeit hat mich so unfassbar wütend gemacht, und gerade als ich dachte, okay, Angie Thomas legt jetzt doch ein Happy End hin, weil es ist ja ein Jugendbuch und da muss das ja, dreht sich die Geschichte nochmal in eine andere Richtung und knallt einem die Realität direkt vor den Latz.

In dem Buch steckt aber noch so viel mehr, eine großartige Familiengeschichte. Die Familiendynamik in dem Buch, ist SO gut! Eine Geschichte über Freundschaft. Eine Liebesgeschichte, die sogar mein erkaltetes, die Existenz von Liebe leugnendes Herz, erwärmt hat. Und allen voran, ist es eine Geschichte darüber, zu sich selbst und für das einzustehen, das einem wichtig ist. Starrs Weg, von dem Mädchen das eine Mord mitangesehen hat, hin zu dem Mädchen, das seine eigene Stimme findet und diese einsetzt, fand ich unglaublich inspirierend und hat mich sehr geprägt.

The Hate U Give von Angie Thomas, ist ein Jugendbuch (und ich betone es extra, weil viele Menschen im Literaturbetrieb, Jugendbücher immer alle über einen Kamm scheren und als Trivialliteratur über kleine Probleme, für kleine Menschen, mit kleinen Geistern abtun wollen), dass jeder, wirklich jeder lesen sollte. Es macht wütend und traurig. Bringt einem zum Lachen und zum Nachdenken. Es prägt nachhaltig und beschäftigt sich mit Dingen, die uns alle etwas angehen, und mit denen wir uns alle auseinandersetzen müssen.
Es ist ein unfassbar wichtiges, kluges und notwendiges Buch. Angie Thomas ist etwas gelungen, dass den wenigstens Autoren*innen gelingt. Fiktion zu schreiben, die einem die Realität näherbringt.

 Balzer + Bray  Gebunden,  444 Seiten  9,29€ •  ISBN: 978-0062498533  
Am 24. Juli erscheint bei cbt übrigens eine deutsche Ausgabe von THUG (in der Übersetzung von Henriette Zeltner), die ihr bereits vorbestellen könnt.


Weitere Informationen über die Autorin und The Hate U Give, findet ihr auf ihrer Homepage
Und folgt Angie Thomas doch bei:

Kommentare:

  1. Tolle Rezension, die ich so unterschreiben kann! Ich hab mir vorgenommen, das Buch dieses Jahr noch zu rereaden, wenn es auf Deutsch raus ist. Eigentlich hätte ich aber jetzt schon wieder Lust dazu und das muss schon was heißen bei mir, sonst rereade ich fast nie. Übrigens super, dass du wieder gebloggt hast. <3

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  2. Klingt einem wirklich intensiven Buch. Ich muss es mir auch endlich besorgen!

    LG Sam

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  3. Ich habe das Buch momentan noch auf meinem SuB liegen, weil bisher alle Rezensionen, die ich dazu gelesen habe (und die allesamt keine klassischen Rezensionen waren, sondern eher an eine aufgebrachte Gedankenwiedergabe erinnerten, weil das Buch sich klassischer Bewertungsmaßstäbe eben aufgrund seiner Authentizität und aktuellen Relevanz zu entziehen scheint), mir den Eindruck vermittelt haben, dass quasi jeder dieses Buch gelesen haben sollte - deine jetzt eingeschlossen, die das Buch im Übrigen sehr gelungen darstellt und schon im Vorfeld Denkanstöße gibt.

    Liebe Grüße
    Dana

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  4. Mega Rezension! Ich sehe das ganz genauso wie du! Ein wichtiges Thema, gut verpackt. Das Buch sollt demnächst echt an Schulen gelesen werden :D

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  5. Huhu!

    Eine ganz wunderbare Rezension! Das Buch muss ich unbedingt lesen, alleine schon, weil ich farbige Freunde in den USA habe, für die das Teil ihrer Lebensrealität ist. Gerade durch meine Freundin Dove bekomme ich immer wieder mit, was an Polizeigewalt gegen POC alles passiert, und wie es totgeschwiegen oder dem Opfer angelastet wird, denn sie erzählt viel davon. Ich bin immer wieder fassungslos, wenn weiße Polizisten sogar farbige Kinder abknallen und dann behaupten, das Kind sei eine akute Bedrohung gewesen...

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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  6. Hallo lieber Fabian,
    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und kannste ihn nicht. Natürlich bin ich Follower geworden und freue mich über Gegenbesuche :)
    Die Rezension die ich hier von dir lese trifft natürlich direkt mal ein hartes Thema, eines, dass einfach tägl. im Leben in vielen Situationen auf uns einprasselt. Jeder denkt sicher oft "Ne, also ich bin nicht so" aber doch benehmen wir uns oft nicht viel besser ohne nach zu denken. Auch wenn dies vielleicht (und zum Glück) nicht immer mit Kugeln im Rücken endet.
    Dieses Thema ist sicherlich ein sehr schweres und deine Rezension dazu ist gut geworden.
    Ganz liebe Grüße
    Romi

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  7. Lieber Fabian,
    geniale Rezension - ich warte ja schon sehnlichst, bis das Buch auf Deutsch erscheint, nur noch knapp einen Monat!

    Durch deine Rezension ist meine Vorfreude auf jeden Fall nochmal um ein Stück gewachsen :)

    Alles Liebe
    Yvonne

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