Fatma Aydemir - Ellbogen

16. Februar 2017 |
Einer meiner Vorsätze für dieses Jahr ist es, mich mehr mit jungen, deutschsprachigen Schriftstellern zu beschäftigen. Mehr Debüts zu lesen, um endlich rauszukommen, aus dem festgefahren Kreis der gleichen YA-AutorenInnen. Und vor allem möchte ich mehr Bücher lesen, die sich in irgendeiner Form mit Diversität beschäftigen, am besten dann auch noch Own Voice-Bücher. Mit Fatma Aydemirs Debütroman "Ellbogen" konnte ich dann auch gleich mal alle Fliegen mit einer Klappe erwischen.

Das Buch ist nicht schlecht. Zumindest nicht so schlecht, wie es in anderen Rezension geschildert wird. Das Buch ist aber auch nicht so gut, wie der Feuilleton meint. Vielmehr liegt es irgendwo dazwischen. Um es direkt nachzuschieben, der Roman hat mir gefallen, sehr sogar. Nur war es mir an manchen Stellen einfach zu drüber und an anderen zu wenig.

Hazal als Protagonistin mochte ich nicht. Ich konnte ihre Art stellenweise einfach nicht nachvollziehen. Ihren Konflikt, ihre Zerrissenheit dagegen schon. Ihr Selbstmitleid wiederum, hat mich echt auf die Palme gebracht. Was mich dann aber wieder begeistert hat, ist die Art und Weise auf die Frau Aydemir Hazal und die anderen Jugendlichen in diesem Buch darstellt. Wie es ist, wenn man aus der unteren Mittelschicht kommt. Das es halt ziemlich kacke ist, wenn man als Arbeiterkind aufwächst und nicht 24/7 Zucker in den Arsch geblasen bekommt. Hazal und ihre Freunde sind ichbezogen, wütend und versuchen sich irgendwie über Wasser zu halten.

Am meisten beeindruckt haben mich aber, und das ist auch der Punkt, warum ich das Buch unbedingt weiterempfehlen würde, die Schilderungen darüber, wie es ist als junger Mensch in unserem Land zu leben, wenn man hier geborgen wurde, im Grunde also genau so deutsch ist, wie alle "Bio-Deutschen", aber trotzdem nicht dazugehört. Nicht zur Gänze. Wenn es wir und die sind. Das hat so viel in mir in Bewegung gesetzt, dass ich wirklich darüber erschrocken bin, wie wenig mein Bewusstsein für diese Thematik vorhanden ist. Wie heftig es einfach ist, dass es in unserem Land so viele junge Menschen gibt, die sich so fühlen wie Hazal und ihre Freunde. Verloren irgendwo zwischen den Kulturen und Identitäten und auf dem Weg all das unter einen Hut zu kriegen. Und wie krass es eigentlich ist, dass wir in unserer Gesellschaft, junge Menschen obgleich sie hier geboren sind, einfach auf die Seite schieben, weil uns der andere Teil ihrer Herkunft nicht in den Kram passt. Wie viel Potential ungenutzt bleibt, weil wir, bevor wir jemandem die Chance geben sich zu beweisen, schnell mit Stempeln und Labels daherkommen und ausschließen, weil die Erwartungen ja eh nicht erfüllt werden können.

Der Verlauf der Geschichte hat mich total überrascht. Ich hatte eher vermutet, das Hazal aus dem Korsett ihres Elternhauses ausbrechen und nach Istanbul gehen wird, um frei zu sein. Herauszufinden, wer sie ist und wo sie eigentlich hingehört. Gestört hat mich hieran ganz besonders das Ende. Es war nicht schlecht, aber irgendwie trotzdem beschissen. Das Buch endet an einer Stelle, an der ich dachte, dass es jetzt wohl erst so richtig anfängt. Dass es sich Fatma Aydemir, auch ein bisschen sehr einfach damit gemacht hat, den eigentlichen Konflikt und die daraus resultierenden Konsequenzen nicht anzugehen. Hazal wird zum Ende hin einfach ungreifbar und kommt viel zu einfach vom Haken. Mir fehlen da einfach noch 50, 60 Seiten.

Und ähnlich wie bei Fabian Hischmann vor ein paar Wochen, kann ich mich auch bei diesem Buch wieder nur fragen, warum es nicht als Jugendbuch veröffentlicht wurde. Genau solche Bücher, brauchen wir im Jugendbuch-Sektor doch mehr als dringend! Geschichten über Minderheiten. Über Ausgrenzung und deren Folgen. Über junge Menschen, die nicht alle Privilegien besitzen, die sonst jeder in unserem Land von Geburt an geschenkt bekommt. Wer sich außerhalb des üblichen YA-Muffs mal umschauen, und sich mal so in Richtung Diversität rantasten möchte, hier ist das richtige Buch für euch.

 Hanser Literaturverlage  • Gebunden,  272 Seiten  • 20€ •  ISBN: 978-3-446-25441-1 
Dieses Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise als Rezensionsexemplar gestellt

Kommentare:

  1. Eine spannende und ehrliche Rezension. Du hast mich noch neugieriger auf das Buch gemacht, aber ich blicke der Lektüre jetzt auch mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Thematik ist aber auf jeden Fall sehr interessant und leider auch aktuell.
    Liebe Grüße,
    Julia

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  2. Hi Fabian,
    ich lese deine Rezensionen so gerne, sie sind einfach gerade heraus und auf den Punkt. Vor allem mit dem Satz "Wenn es wir und die sind", hast du mich neugierig gemacht, da in meinem Umfeld und Bekanntenkreis viele verschiedene Kulturen unterwegs sind - hier stelle ich mir einen Einblick in "diese Welt" sehr spannend vor.
    Liebe Grüße,
    Anna

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