Hanya Yanagihara - Ein wenig Leben

30. Januar 2017 |
Vier Freunde die sich in New York City behaupten wollen? Kennt man ja jetzt schon zu genüge. Sex and the City oder GIRLS (die Serie von und mit Lena Dunham), zeichnen ähnliche Bilder. Und gerade an Letzteres, hat mich "Ein wenig Leben" auch ständig erinnert.
JB, Willem, Malcolm und Jude sind jung und hip und alle irgendwie avantgardistisch (zumindest halten sie sich dafür), wollen Künstler sein, Architekt. Träumen vom großen Durchbruch als Schauspieler, oder steuern als Anwalt geradewegs darauf zu. Wohnen in kleinen, abgeranzten Apartments oder kostenlos in einem Künstler-Loft und essen beim immer gleichen Vietnamesen. Man erfährt in der ersten Hälfte viel über diese vier jungen Männer. Für meinen Geschmack war es stellenweise ein bisschen zu viel. Für mich ist es irgendwann ins Belanglose abgedriftet, es las sich, wie einen Aneinanderreihung von Anekdoten, in denen man Dinge über die Charaktere erfährt, die mich, muss ich ganz ehrlich sagen, nicht sonderlich interessiert haben, zumindest was JB, Malcolm und Willem angeht. Aber dann ist da noch Jude. Der nichts von sich preisgibt und nur hier und dort wird angedeutet, dass die Gründe dafür schlimmer sind, als man es sich zuerst vielleicht vorstellt.

Und wären diese kleinen "Teaser" nicht in dem Buch gewesen, hätte nicht, jedes Mal wenn Jude in der ersten Hälfte des Buch in den Fokus gerückt ist, so viel zwischen den Zeilen gestanden, was mich rätseln und mutmaßen ließ, dann hätte ich das Buch wahrscheinlich schon sehr früh abgebrochen. Zumal all diese Informationen und Anekdoten in einer unheimlichen Masse an Text verpackt sind. Der sich fantastisch lesen lässt, ohne Frage, Hanya Yanagihara versteht ihr Handwerk, aber stellenweise doch etwas langatmig und trocken daherkommt.

Dann irgendwann, so um die Seiten 420/430 wandelt sich das Buch. Zu einer dicken, alten, faserigen Zwiebel. Nach und nach, schält sich eine Schicht nach der anderen von Judes Vergangenheit ab. Es piekst in den Augen. Man erfährt welches Martyrium er als Kind durchgestanden hat. Drastisch und erschreckend geschildert. Berührt hat es mich über weite Teile dennoch nicht, nicht so richtig. Was einfach daran liegt, dass ich den Schreibstil als zu akademisch, zu distanziert, fast schon klinisch empfand. Es war hart diese Stellen zu lesen, ganz klar, es hat auch etwas in mir ausgelöst, aber das vorherrschende Gefühl war Wut. Nicht Mitleid oder gar Trauer. Und irgendwann, kam für mich der Punkt wo dich nur noch eins dachte: Torture Porn. Gerade wenn ich dachte, okay, gut das muss es jetzt aber gewesen sein, passiert dem erwachsenen Jude wieder etwas Schlimmes oder es enthüllt sich ein weiterer, grausamer Teil seiner Vergangenheit.

Die geballte Schlagkraft des Buches, hat sich für mich erst in den letzten drei Teilen offenbart. Erst da hat sich bei mir ein Sog eingestellt, der mich nicht mehr vom Buch hat loskommen lassen. Ich hatte stellenweise richtig das Gefühl, das Buch wolle mich in sich ersäufen, ließ mich kaum mehr an die Oberfläche um Luft zu holen. Diese letzten drei Parts: Die glücklichen Jahre, Werter Genosse und Lispenard Street, haben mir alles abverlangt. Mich aufgebaut, sodass ich mich für Jude freuen konnte, weil er endlich ein kleines bisschen Glücklichsein abbekommen hat, nur um mir dann wieder rechts und links alles um die Ohren zu donnern. Es ist einfach alles nur unsagbar unfair. Aber genau das, ist die Stärke des Buches. Das Leben so darzustellen, wie es ist, und es ist nun einmal unfair. Es quält dich, nur um dir dann ein kleines bisschen Wärme zu schenken, nur ganz wenig. Einen kleinen Brocken Hoffnung. Du wähnst dich in Sicherheit und dann, wenn du am glücklichsten bist, wenn du einen Moment lang den Kopf aus der Deckung streckst, entreißt es dir auf grausamste Weise alles wieder.

Besonders eindrücklich empfand ich auch die Art und Weise, mit der Hanya Yanagihara die Mechanismen von Angst und Selbsthass beschreibt. Die Feinmechanik der Angst und die Grobmotorik der Selbstzerstörung. Wie sehr Jude darin gefangen ist, und wie es den Menschen um ihn herum, die ihn bedingungslos Lieben, die sich um ihn sorgen, ihm helfen wollen, nicht gelingt zu ihm durchdringen, weil ihr Wohlwollen, ihre Sorge und ihre Liebe einfach nicht genug sind.

Das Buch ist wie das Leben, nicht nur ein wenig Leben, sondern das Leben in seiner Gänze. Mal kitschig und überzeichnet, unglaubwürdig und absurd. Im gleichen Maße aber ehrlich, brutal und schön. Es zerreißt dich, gibt dir halt, baut dich auf und stößt dich dann mit einer offenen Wunde wieder in den Dreck.

Zum Ende hin, hat mich das Buch tief bewegt. So sehr, dass ich sogar geweint habe. Nicht nur ein bisschen Pipi in den Augen, sondern ein von Herzen kommendes, unkontrollierbares Weinen. Auch jetzt noch, nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, fühle ich dieses Unwohlsein in meiner Brust. Diese Enge, weil, auch (und das ist einfach die Genialität dieses Buches), wenn ich die erste Hälfte als irrelevant und belanglos empfand, hat sie dennoch dafür gesorgt, dass mir die Charaktere unterbewusst ans Herz gewachsen sind. Dass mich ihre Schicksale so sehr mitgenommen haben, als wären sie meine eigenen Freunde.

Man muss sich auf das Buch einlassen. Man muss sich darauf einstimmen, viel zu lesen, unheimlich viel. Das Buch ist eine Gratwanderung zwischen Frustration und Entsetzen. Es wirbelt dich herum, schleudert dich zu Boden und spuckt dir ins Gesicht. Es spielt mit dir, deinem Kopf, deinem Herzen. Und wer sich nicht darauf einlassen kann, wird schnell verzweifeln.

Abschließend würde ich sagen, das "Ein wenige Leben" für mich persönlich, eines dieser unfassbar seltenen Bücher ist, die man nur ein einziges Mal liest. Vielleicht blättere ich ab und an nochmal rein, lese eine Passage vielleicht ein Kapitel, aber ganz werde ich das Buch mit großer Sicherheit nicht noch einmal lesen. Muss ich auch nicht. Jude und Willem und JB und Malcolm und alle die anderen, Figuren, ihre Geschichten und Schicksale haben sich in mir verankert. Ich werde sie nie wieder vergessen, und falls doch, reicht ein kurzer Blick in mein Buchregal.


 Hanser Literaturverlage   Gebunden, 957 Seiten  28€    Übersetzung: Stephan Kleiner   •  ISBN: 978-3-446-25471-8  
Dieses Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise als Rezensionsexemplar gestellt

Kommentare:

  1. Hey Fabian,
    ich bin vollkommen an deiner Rezension hängen geblieben und habe sie erstmal drei Mal gelesen. Hut ab, du hast deine Meinung hervorragend in Worte verpackt :) Neugierig war ich schon vorher auf das Buch, jetzt will ich es unbedingt lesen - auch wenn ich mich ein wenig davor fürchte ;)
    Liebe Grüße,
    Anna

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    1. Hey Anna!

      Vielen Dank, das freut mich wirklich sehr. Ich hoffe dir sagt das Buch am Ende ebenso zu, und dass du nicht zu enttäuscht bist oder so. :D

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  2. Hey,
    ich bin gerade von Maras Rezi zu deiner gelangt und bin nun völlig verwirrt, ob ich das Buch nun lesen möchte oder nicht. Gerade dann, wenn es zwei unterschiedliche Meinungen, verschiedene Betrachtungsweisen hervorruft, wird es interessant.
    Ich bin ehrlich gesagt ein wenig überrascht, dass es dich mehr berührt hat, als Mara, denn ich empfinde dich immer als sehr kritischen Leser. Das bedeutet für mich aber auch, dass was dran sein muss, an den Textstellen über Judes Kindheit.
    Mit dem was Jude durchmacht, habe ich beruflich zu tun. Das schafft gleichermaßen Nähe und Distanz. Vor allem aber einen kritischen Blick darauf, wie es in der Geschichte verarbeitet wird.
    Gefühlt rede ich gerade ein bisschen wirr, aber nach euren Rezensionen bin ich einfach auch total verwirrt und verunsichert, was das Lesen von "Ein wenig Leben" betrifft.

    Liebe Grüße
    Nanni

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    1. Heyho Nanni!

      Hast du es dir inzwischen vorgenommen? Ich würde ja immer dazu raten, sich selbst ein Bild zu machen. Und gerade wenn du beruflich mit Fällen wie Jude zu tun hast, denke ich verschafft es dir so nochmal einen besseren Blick, und zum Glück kann man Bücher ja immer abbrechen, wenn sie einem so gar nicht gefallen.

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  3. Ich hab mir das Buch letzte Woche gekauft und ich bin sehr gespannt. Die Grundmeinung vieler ähnelt Deiner...etwas langatmig am Anfang, aber der Sog kommt später. Ich hoffe, das ich solange durchhalte.
    Danke für die Rezension, ich bin jetzt noch gespannter!

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    1. Hi!

      Ich hoffe der Sog hat dich inzwischen gepackt, vielleicht hast du es aber auch schon frustriert an die Wand gedonnert. Habe ich auch, aber es nochmal in die Hand zu nehmen, lohnt sich da auf jeden Fall. Hehe.

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