Mein bester letzter Sommer - Anne Freytag

12. März 2016 |
Das Jugendbuch-Debüt von Anne Freytag, ist gerade in aller Munde, zurecht muss ich sagen. Anders, als die anderen Münder, kann ich in die Lobeshymnen allerdings nicht mit einstimmen. Zumindest nicht aus voller Kehle.

Zuerst muss ich wohl erwähnen, dass ich das Buch zwei geteilt bewerten und rezensieren werde. Erst der Teil, der mir gefallen hat und für den ich auch eine klare Empfehlung aussprechen möchte. Auf der anderen Seite der Teil, für den ich die Autorin und die Lektorin dieses Romans am liebsten ohrfeigen würde.

Gut, starten wir mit dem was mir gefallen hat. Tessa ist siebzehn und wird sterben.  Das ist hart, das ist unfair und kaum zu ertragen. Und genau das, schildert Anne Freytag so unfassbar gut und authentisch. Es wird nichts beschönigt. Es ist roh und die Autorin nennt die Dinge beim Namen, so wie ich es mir bei vielen Vertretern aus dem Sick-Lit-Sektor wünschen würde. Diese ganzen Fragen: Was bedeutet es zu sterben? Was macht es mit einem? Was macht der Tod mit den Menschen (in diesem Fall, Tessas Eltern und ihre Schwester Larissa) die man liebt und die zurückbleiben, wenn man gehen muss? All diese Dinge bringt Anne Freytag unfassbar gut auf den Punkt und der Konflikt, zwischen Tessa und ihren Eltern und ihrer Schwester, ist einfach nur unglaublich gut in Worte gefasst, ohne es zu übertreiben. Alleine für die Umsetzung dieses sensiblen Themas, hätte dieses Buch, wenn ich es denn so bewerten wolle würde, fünf Sterne verdient. Und für diesen Aspekt des Buches, hat Anne Freytag, wenn es nach mir geht, jedes Lob, jeden Jugendbuchpreis, jeden Award und was es da nicht so alles gibt, mehr als verdient. Hut ab!

Natürlich erfindet Anne Freytag das Rad hier nicht neu, denn "Mein bester letzter Sommer" hangelt sich ganz leicht, ohne auszuscheren, an allen Sick-Lit-Klischees entlang.

Nun, dann ist da aber der Teil, für den ich Anne Freytag all das Lob, die Preise und Awards direkt wieder absprechen würde - die Liebesgeschichte. Dieses Buch, könnte man exemplarisch dafür nehmen, um aufzuzeigen, was in Jugendbüchern einfach nur verdammt falsch läuft, und einfach nicht mehr mit, das sind ja nur Fantasien die da bedient werden, unter den Teppich gekehrt werden kann. Ganz einfach weil es nur noch problematisch ist. Kurz gesagt, diese "Liebesgeschichte" (und ich setzte es mit Absicht in Anführungszeichen, weil das keine Liebe zwischen Oskar und Tessa ist), ist der größte, unemanzipierte Bullshit, den ich seit langer Zeit gelesen habe! Es macht mich so unfassbar wütend und frustriert mich, und lässt mich einfach fragen: Warum zur Hölle wird so etwas geschrieben?

Tessa sieht Oskar in der U-Bahn und ist sofort hin und weg. Fünf Monate später, in denen sie ständig nur an diesen tollen Jungen aus der Bahn denken musste, treffen sie sich wieder. Oskar ist das Abziehbild eines männlichen Protagonisten. Groß, tolle blaue Augen, verschmitztes Lächeln und einfach nur der heißeste Scheiß der je auf Gottes Erden gewandelt ist. Nachdem ersten Treffen, treffen sich Oskar und Tes (so nennt Oskar Tessa immer, aber da ich keine Ahnung habe, wie zur Hölle man den Shit ausspricht, habe ich sie nur Käs genannt) erneut. Sofort der erste Kuss. Tessa flieht weinend aus dieser Situation. Sie reden vier Tage nicht, treffen sich dann aber erneut und schwupp, verliebt bis über beide Ohren. Sie kennen sich nicht, haben im Grunde nichts gemein und trotzdem ist es die große Liebe. Bullshit! Und ab diesem Punkt, dreht sich alles nur noch um Oskar. Oskar hier, Oskar da. Sein sauberer Duft, sein verschmitztes Lächeln, seine tiefen blauen Augen blahblahblah....

Eigentlich müsste das Buch "Mein bester letzter Oskar" heißen.

Alles woran Tessa denkt ist Oskar.  Ob er sie wohl langweilig findet, weil sie mit 17 ja noch Jungfrau ist und keinen Führerschein hat? WHAT. THE. FUCK.
Als ob es genau das ist, was eine Mädel in dem Alter braucht, 'ne offene Dose und den Lappen in der Tasche... was einfach nur! Was bitte sendet das für ein Signal an junge Mädchen? Also, wenn du mit siebzehn immer noch Jungfrau bist, dann kannste auch gleich von der Brücke springen. Und Oskar, der tolle, schöne Oskar. Was für eine Flachzange.

Mir erschließt sich einfach nicht, warum Tessa denn unbedingt ihr Hirn abgeben muss, nur weil Oskar plötzlich da ist. Und warum es ausgerecht ein Junge sein muss, der er schafft Tessa aus ihrer Höhle zu holen. Warum es Oskar sein muss, der Tessa den Lebenswillen zurückgibt, der ihr all diese "schönen" Momente beschert. Warum muss es in Jugendbücher immer so sein, dass ein Mädchen ohne einen Junge nichts ist, nichts schaffen kann und nicht glücklich ist?  Zum Ende hin kommt Tessa zu der Erkenntnis, das Liebe reicht. Es reicht aus geliebt worden zu sein, Liebe ist das wichtigste. Ich finde, das ist, gerade wenn man für junge Menschen schreibt, eine der problematischsten Äußerungen die man tätigen kann. Weil Liebe einfach nicht alles besiegen kann, Liebe kann nicht jede Mauer niederreißen und Liebe oder geliebt zu werden, sollte nicht das Hauptziel sein, dass ein junger Mensch hat. Liebe passiert einem und es ist schön wenn sie passiert. Aber Liebe alleine reicht nicht. Sollte nicht reichen. Darf nicht reichen.

Es gibt einen "schönen" Moment zwischen Tessa und Oskar, als sie ihm dann endlich sagt, was mit ihr los ist, dass sie bald sterben wird. Daraufhin möchte Oskar wissen, was sich Tessa denn wünscht, was braucht, was sie möchte. Und sie sagt, sie braucht einen Freund zum Sterben! DAS! Hätte die Autorin darauf aufgebaut, dass Tessa nicht entkorkt werden will, dass sie nicht die fucking große Liebe braucht, sondern lediglich einen Menschen, der emotional nicht so nah an ihr dran ist, wie ihre Familie und der ihr hilft, diesen letzten Weg zu gehen, eben ein Freund. Dann wäre dieses Buch um Längen besser! Aber nein, Anne Freytag macht es sich leicht und besteigt das von John Green und anderen Autoren, bereits tot gerittene Ross. Und so, bekommen wir erneut eine dieser klischeehaften 08/15-es-ist-ja-so-tragisch-weil-einer-von-beiden-sterben-muss-Stories. Laaaangweilig. Vollkommen an der Realität vorbei.

Irgendwann fängt Oskar an Tessa "Krabbe" zu nennen, wohl weil sie halt schnell rot wird und so. Ich allerdings empfinde diesen Kosenamen als den schlechtesten, den ich je gehört habe, Ganz einfach, weil mir nicht irgendwelche Bilder von süßen roten Krabben in den Sinn kamen, sondern eher von diesen dicken, schleimigen Schlammkrabben. Und wer möchte schon so genannt werden?


Natürlich hat Oskar auch noch ein düsteres Geheimnis, eine tote Schwester. Die Umstände die zum Tod der kleinen Schwester geführt haben, sind einfach so lächerlich und konstruiert, das kann man einfach nicht ernst nehmen. Geht einfach nicht.

Und an dem Punkt, ist mir auch sehr sauer aufgestoßen, dass es Tess nicht zu interessieren scheint, was ihr Tod mit diesem Jungen machen wird. Es wird hier und da mal angeschnitten, aber Tess redet sich ein, Oskar wird ja noch andere Mädchen kennenlernen und irgendwann eine Familie haben ect.
Geht's noch?! Erst verliert der Junge seine Schwester, was schon tragisch genug ist, und jetzt auch noch die (wie es im Buch genannt wird) Liebe seines Lebens, und keine Sau interessiert es, wie der Junge damit fertig wird? Das es ihn, mit allergrößter Sicherheit zerstören und für immer zeichnen wird? Großartig, Frau Freytag, echt, Applaus.

Der Schreibstil der Autorin ist gut, er ließt sich sehr flott und es gibt einige schöne, "zitatige" Sätze und Szenen. Und sie punktet sprachlich vor allem in der Darstellung des Konflikts um Tessas baldiges Ableben.
Allerdings, besteht viel auch einfach aus Wiederholungen. Zum Beispiel "der saubere Duft" von Oskar, Keine Ahnung wie oft erwähnt wird, wie toll der Typ riecht, wie oft Tessa an ihm riecht und weiß der Geier was. Hat die irgendwie einen Geruchsfetisch? Oder auch "mir steigt die Farbe ins Gesicht" okay, ich habe verstanden, du wirst schnell rot, kannste das nicht anders artikulieren? Oder eben, wie oben schon geschrieben, die ständige Erwähnung des Jungfrauen-Daseins, das Tessa mit 17 immer noch fristet. Und natürlich dass sie keinen Führerschein hat. Wo ich der Meinung bin, dass die meisten selbst mit 18 oder 19 noch keinen haben.

Ich würde Anne Freytag ja gerne zu Gute halten, dass sie Sex in dieses Buch eingebaut hat, aber das geht nicht. Denn der Sex, der erste Sex den Tessa dann endlich mal hat, ist einfach so fern jeder Realität, dass man dafür kein Lob aussprechen kann. Generell ist Tessa ziemlich notgeil, wie oft sie an Sex denkt und wie wichtig es ihr ist, in den letzten Tagen die sie noch hat, endlich geknallt zu werden ist echt krass. Generell setzt Tessa sehr seltsame Prioritäten. Denn mit einem fremden Jungen ins Ausland zu fahren, anstatt mit ihrer Familie, die sie wirklich liebt und die ihr einfach wichtiger sein sollte, als irgendein dahergelaufener Affe, finde ich schon sehr heftig.

Abschließend würde ich sagen, ist dieses Buch eines der besten und gleichzeitig eines der schlechtesten Bücher ist, die ich dieses Jahr gelesen habe. Und dass ich es nicht bewerten kann, zumindest nicht auf dieser üblichen 1-5 Sterne-Skala. Weil es Aspekte gibt die fünf Sterne verdient hätten, aber auch große Teile die gerade so noch 1 bekommen würden. Und ich muss auch ehrlich sagen, Leute die dieses Buch mit der vollen Punktzahl bewerten, denen kann ich nicht glauben, sorry.

"Mein bester letzter Sommer" sollte man lesen, weil Anne Freytag es unheimlich gut versteht den Tod/ das Sterben und alle seine Facetten mit den richtigen Worten, ins richtige Licht zu rücken, ohne dabei in Klischees zu verfallen oder sich mit Kitsch zu überschlagen. Auf der anderen Seite jedoch, ist dieses Buch zum Großteil sehr problematisch und für mich, einfach ein Musterbeispiel dafür, dass sich im Denke von Autoren und Verlagen, und dem Schreiben von Gegenwartsliteratur die sich an Jugendliche und junge Erwachsene richtet, endlich und ganz schnell etwas ändern muss.


 Heyne Fliegt   Hardcover, 366 Seiten   Einzelband 14.95€ 


Kommentare:

  1. Klasse Rezension. Ich habe das Buch nicht gelesen, und nach der Beschreibung will ich das auch nicht, weil ich mich wieder hochgradig aufregen würde. Mir ist schleierhaft was in den Köpfen so mancher Jugendbuchautoren los ist und warum Mädchen den Scheiß auch noch geil finden. Das Hirn scheint an der Kasse liegen geblieben zu sein. Manchmal würde ich es gerne Backpfeifen regnen lassen...

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    1. Hehe, Dankeschön :D
      Oh ja, kann ich nur so unterschreiben. Also, das mit dem Unverständnis und dem Backpfeifenregen xD

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  2. "Oskar ist das Abziehbild eines männlichen Protagonisten. Groß, tolle blaue Augen, verschmitztes Lächeln und einfach nur der heißeste Scheiß der je auf Gottes Erden gewandelt ist."

    Ich musste gerade sehr laut lachen, auch wenn die ganze Thematik eher zum heulen ist. Eigentlich wollte ich nur mal eben dein Fazit zum Buch lesen, weil ich mir schon gedacht habe, dass das nichts für mich ist, aber dieses kleine Stückchen Text hat mich so neugierig gemacht, dass ich nun deine ganze Besprechung durchlesen musste. Und ja, du bringst es auf den Punkt.

    "Warum muss es in Jugendbücher immer so sein, dass ein Mädchen ohne einen Junge nichts ist, nichts schaffen kann und nicht glücklich ist?"

    Ich darf solche Bücher nicht mehr lesen, weil sie mich wütend machen. Millionen Frauen kämpfen für ihre Rechte und wollen gleichberechtigt behandelt werden, aber der restliche Anteil der weiblichen Weltbevölkerung scheint auf diesen oberkitschigen, realitätsfernen Scheiß zu stehen. Wir diskriminieren uns damit selbst und die Mehrzahl merkt es nicht einmal. Klar gibt es dann Aufschreie: "Oh das ist doch nur eine Geschichte. Lass den Kindern ihre Träume." aber genau aus diesen Geschichten (ob nun aus Büchern, Filmen oder allgemein dem ganzen Medienmüll) stammen die falschen Vorstellungen der herwanwachsenden Mädchen, die sich dann als Erwachsene fragen, wo denn ihr Traumprinz bleibt und was sie denn mit sich anfangen sollen, wenn er einfach nicht angeritten kommt. Aber darüber könnte ich mich jetzt stundenland aufregen und ich muss auch sagen, dass diese "Ideenergüsse" der Autoren ja nicht nur Frauen schaden, sondern auch Männern, die diesen Erwartungen niemals gerecht werden können.

    Danke jedenfalls, dass du mich davor bewahrt hast, dieses Buch zu lesen.

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    1. Word!
      Mehr kann ich fast nicht mehr dazu sagen, weil es sich 1:1 mit meinen Gedanken deckt :D

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  3. Ich habe das Buch ja auch angefangen und dann zur Seite gelegt. Ich kann deine Meinung einfach sehr gut verstehen und sie war teils so lustig formuliert, dass ich richtig laut lachen musste xD Ach, Fabian! Ich weiß auch nicht...vielleicht haben wir was nicht verstanden oder so, aber diese ganze Sache mit der Liebe ist einfach wirklich furchtbar :(

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    1. Ja, scheint echt so, dass da was an uns vorbeigeht die ganz Zeit, dessen Genialität wir einfach nicht ergründen können. :(

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  4. Hallo:)

    Das ist mal eine echt gute Rezension weil sehr unterhaltend:D Ich hab das Buch nicht gelesen aber ich muss zugeben, noch vor kurzem wäre es ein richtiges Must-Read für mich gewesen und ich hätte bestimmt vor allem die Liebesgeschichte total gefeiert. Weil ich einfach beim Lesen mein Hirn ausgeschaltet hätte-.- Aber in den letzten paar Monaten hat sich mein Lesegeschmack geändert und ich kann den dämlichen Mist in vielen Jugendbüchern nicht mehr so gut ignorieren wie früher. Deshalb wird dieses Buch auch eher nicht gelesen:D
    Übrigens fand ich die Käs-Stelle besonders witzig:D Ich versteh nicht warum der Typ sie nicht wenigstens TeSS statt Tes genannt hat:D

    Viele Grüße!

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    1. Hey!
      Danke, danke :D
      Ich finde, du solltest es trotzdem noch lesen. Einfach um zu schauen wie du es beurteilen würdest. Vielleicht empfindest du es ja gar nicht so arg wie ich ;)
      Und kritischer beim Lesen zu werden, und öfter mal das Hirn dabei an zu lassen ist auf jeden Fall eine super Sache xD

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