Mit anderen Worten: Ich - Tamara Ireland Stone

20. Februar 2016 |

Ich mochte dieses Buch. Wirklich. Recht gerne sogar. aber, und das ist ein großes Aber, ich hatte auch einige Probleme damit.

Erst einmal bin ich wirklich froh und begeistert darüber, dass sich die Autorin hier dem Thema Zwangsstörungen/OCD angenommen hat. Jedoch, fangen damit meine Probleme auch schon an. Die Autorin selbst leider nicht unter dieser Krankheit. Nun, jetzt könnte man dagegenhalten, dass man ja nicht zwangsläufig erlebt haben muss, worüber man schreibt, und das stimmt auch, bis zu einem gewissen Punkt. Wenn man aber glaubhaft und realistisch über eine Krankheit schreiben möchte, dann reicht es einfach nicht aus, Experten (in diesem Fall Psychologen) zu befragen. Recherche reicht einfach niemals an eigene Erfahrung heran.

Und leider ist dieses Buch, im Bezug auf die Zwangsstörung der Protagonistin Sam, alles andere als realistisch. Sam leidet schon lange unter dieser Krankheit. Das sie sich obsessiv in ihren Gedanken verliert. Allerdings scheint die Krankheit nur ab und an durch, und belastet Sam nicht durchgehend. Da ist schon der erste Knackpunkt, weil so, einfach nicht wirklich zum Tragen kommt, wie hart es für Sam ist mit ihrer Zwangsstörung zu leben, wie sehr es sie belastet, wie sehr sie damit zu kämpfen hat.
Sam gelingt es sogar seit frühester Kindheit, ihre Krankheit vor anderen zu verstecken, und das erscheint mir einfach unmöglich. Vor Menschen mit denen man nur gelegentlich zu tun hat gut und gerne, aber vor Freunden, oder anderen Leuten mit denen man viel Zeit verbringt, unmöglich. Irgendwann kann man einfach nicht mehr verbergen, dass man eben nicht ganz "normal" tickt, dass man von gewissen Zwängen bestimmt wird. Und irgendwann, merken die anderen eben, dass mit einem etwas nicht stimmt.

Der nächste Punkt der mich generell gestört hat, war der, dass alles einfach sehr weichgespült ist. Sam stößt überall auf Verständnis, das ist natürlich schön für Sam, spiegelt aber nicht die Realität wieder. Denn viele Menschen, die nicht mit einer Zwangsstörung, Depression, Angststörung oder anderen psychischen Erkrankung zu kämpfen habe, verstehen nicht, wie es ist darunter zu leiden und damit zu kämpfen zu müssen. Ich meine, der lasche Umgang damit, gerade auf Twitter, wo einfach an jeder Ecke jemand über seine selbst diagnostizierte Erkrankung plaudert, als wäre es ein neues paar Schuhe, zeigt einfach perfekt, wie wenig Verständnis vorhanden ist.

Die andere Sache die mich arg gestört hat, war der Umgang mit dem Thema Mobbing. Abseits ihrer Krankheit gehört Sam nämlich zur angesagten Mädchen-Clique ihrer Schule, und die teilt gerne kräftig aus. Sam macht es zwar meist rein aus Gruppenzwang, aber dennoch gehört sie zu den Mobbern. Egal wie sehr es sie selbst vielleicht auch stört. Auch dieses Thema wird leider viel zu weichgespült. Man bekommt von Sam niemals eine wirkliche Selbstreflexion.

Gut gefallen hat mir aber der Wandel von Sam. Das es ihr gelingt (wenn auch etwas sehr schnell) sich später ihren neuen Freunden in dem Poesie-Club zu öffnen, zu akzeptieren wer sie ist, dass ihre Krankheit eben ein teil von ihr ist, für den sie sich nicht zu schämen braucht. Ebenso gefallen hat mir der Schreibstil von Tamara Ireland Stone, der flüssig ist, nicht zu überladen und der gänzlich darauf verzichtet, Dinge zu beschönigen. Obgleich, im Grunde eh alles recht plüschig und in Watte gehüllt ist.

Klingt jetzt wahrscheinlich alles recht negativ, oh je, dem ist auf jeden Fall nicht so. Das Buch ist sehr, sehr empfehlenswert, aber mir war es dann doch an einigen Stellen einfach zu na ja, leicht, zu unrealistisch und zu oberflächlich im Bezug auf die doch sehr sensiblen und schwierigen Themen.
Vielleicht bin ich, was die Darstellung psychischer Erkrankungen in Büchern angeht, auch einfach nur zu überkritisch.

Zum Schluss möchte ich auch noch die Aufmachung des Buches erwähnen, mit der sich der Magellan Verlag, meiner Meinung nach, wirklich selbst übertroffen hat. Das Cover und auch die restliche Gestaltung ist einfach nur unfassbar schön! Generell legt der Magellan Verlag sich ja immer mächtig ins Zeug, und bisher gab es noch kein Buch, von dem ich gesagt hätte, dass es nicht schön aussieht, aber mit der Aufmachung dieses Buches, wurde noch einmal eine Schippe oben drauf gelegt.

 Magellan Verlag   Hardcover, 327 Seiten   Einzelband • 16.95€ 

Kommentare:

  1. Der Verlag scheint ja wirklich so einige Bücher im Sortiment zu haben, die man lesen könnte. Meine Blogger des Vertrauens sind sich da jedenfalls einig - dann muss ich wohl bald auch mal ran! xD
    Ich habe hier ja schon "Echt" stehen, dass übrigens auch total cool aussieht! :D
    Das hast du nicht zufällig auch schon gelesen oder? :D

    LG Jan

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    1. Definitiv! Ich finde, der Verlag pickt sich was Übersetzungen angeht, auch immer Bücher raus, die eher so Geheimtipps sind, wo man halt auch nicht viel drüber hört von den US Booktubern und so. Nee, hab ich leider noch nicht, steht aber auch hoch oben auf meiner Prioritätenliste :D Empfehlen kann ich dir aber auf jeden Fall "Jenseits der blauen Grenze" von Dorit Linke, das könnte vielleicht was für dich sein :D
      Ansonsten, einfach mal mit "Echt" loslegen xD

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  2. Ich glaube, mir könnte das Buch einen Ticken besser gefallen, als dir, weil ich damit in z.B. All The Bright Places auch nicht übermäßige Probleme hatte. Allerdings hat mich die Rezi jetzt auch zum Nachdenken gebracht. Ich bin da nämlich deiner Meinung, was die ganze "Romantisierung von Krankheiten" angeht. Allerdings habe ich von der Autorin schon zwei Romane gelesen und die waren gut, deshalb werde ich früher oder später wohl auch einen Blick in diese Story riskieren ;D

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    1. Ja, das kann ich mir auf jeden Fall gut vorstellen :)
      Also, eine wirkliche "Romantisierung" würde ich es jetzt nicht nennen, es wird halt einfach recht oberflächlich behandelt, und für mich kam halt nicht so richtig rüber, wie schwer es ist mit so einer Krankheit zu leben.
      Mach das auf jeden Fall, denn trotz der kleinen Probleme die ich damit hatte, ist es ein sehr lesenswertes Buch.

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  3. Hallo Fabian! :)

    Eine wirklich tolle Rezension!
    Was die Empfehlung betrifft kann ich dir da nur zustimmen, das Buch ist auf jeden Fall sehr lesenswert. Das erste was ich nach dem Lesen gemacht habe, war ein Gedicht zu schreiben. Das erste Mal seit langer, langer Zeit. Aber es war richtig schön. Das Schreiben, nicht das Gedicht. xD Das war einfach nur ein Wörter-Kuddelmuddel. ^^ Deine Kritik, dass das Buch auf die kritischen Themen nicht genug eingeht habe ich einfach damit "gut gesprochen" das die Autorin eher etwas verträumt geschrieben hat. Es ist eben ein Happy-End-Buch. Obwohl ich meistens keine Happy-End-Bücher mag, fand ich das hier eigentlich richtig passend. :) Aber ich kann deine Kritik auf jeden Fall nachvollziehen! ^.^

    Ganz liebe Grüße,
    Jasi

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    1. Hi Jasi!

      Vielen Dank, das freut mich.
      Hey, das ist doch richtig cool! :D
      Klar, so kann man es natürlich auch sehen, ich hab nur diesen Drill im Kopf, das wenn sich Autoren so einer Thematik (und in dem Buch, werden ja gleich zwei Fässer aufgemacht, Mobbing und eben die Zwangsstörung), dann sollte das so realistisch wie möglich passieren. Ohne schönreden oder in Watte packen und so, wenn du verstehst was ich meine? xD

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